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Die "Drei Marien"

Die Drei Marien von Hülzweiler und ihre Beziehung zu der

„Dreifrauenverehrung“ des Mittelalters und der Neuzeit

von Otto Wilhelm 

 
Die drei Mariene

Foto von Hans Günter Groß (16.09.2012)

Man ist oft geneigt zu glauben, dass die Geschichte, die Sagen, Legenden und Mythen allein durch das Wirken von Männern geprägt wurden, während die Frauen nur das häusliche Umfeld als Eigenbereich hatten. Dies entspricht jedoch in keiner Weise der wirklichen Bedeutung der Frauen im menschlichen Leben, auch nicht im Bereich von Volkskunde, Sagen und Mythen. Es bietet uns die kultische Tradition des Mittelalters im Hinblick auf die Dreifrauenverehrung z.B. eine Fülle Material im Bezug auf die Bedeutung dieses Kultes. Man irrt, wenn man glaubt, die Menschen bewege nur die Vergangenheit. Bedenkt man aber, dass schon der Enkel heute nicht mehr die Ereignisse aus dem Leben des Großvaters kennt, so begreift man schnell die Vergangenheit als Mythos oder Legende. So kann man also suchen, was verloren ging und neu entdecken, was vergangen ist.

In Hülzweiler ist jedenfalls deutlich zu erkennen, dass sich Sagen, Legenden und Mythen, auch die reale Forschung mit der Verehrung der „Drei Frauen“ und ihrem Bild in der alten Laurentiuskapelle eingehend befassen. So ist auch leicht ein Bezug zu der „Dreifrauenverehrung“ des Mittelalters und der Neuzeit herzustellen, denn Kunstwerke bewahren bekanntlich in besonderer Weise die Erinnerung an kultische Traditionen. Die lokale Bedeutung dieser Verehrung gibt uns reichlich Gelegenheit, sich mit Brauchtum, allgemeiner Volkskunde und Legenden zu befassen.

So erkennen wir bald in den „Drei Bethen“ dreigestaltige Göttinnen, die vielleicht älter als keltische und germanische Frauenbilder sind. „Drei Bethen“ als eine Verkörperung des sich ständig erneuernden Lebens, als Sonnen— Mond- und Erdmutter in der Tradition der großen Göttinnen haben indoeuropäische Wurzeln.

So jedenfalls interpretiert Hans Christoph Schöll die „Drei Frauen" in seinem 1934 erschienenen Buch „Die Drei Ewigen“. Andere Volkskundler und Sagenforscher gehen davon aus, dass der Kult der „Drei Frauen“ erst später, im Mittelalter seinen Anfang nahm. Anerkennt man aber ihre vorchristliche Herkunft, so sah man sie früher als Muttergottheiten der Fruchtbarkeit, der Schwangerschaft und der Geburt. Nun bietet aber die Betrachtung der feministischen Vorgeschichte, die Matriarchatforschung, eine Vielfalt von Wahrnehmungen, Vermutungen und Zusammenhänge, da im „Gewand“ christlicher Jungfrauen und Heiligen dreigestaltige uralte Themen übernommen wurden. Dies geschah so im gesamten mitteleuropäischen Kulturraum. Viele Jahrhunderte gab es keine schriftlichen Zeugnisse dieses Kultes. Legenden und die mündliche Überlieferung hielten jedoch die Erinnerung erstaunlicherweise fest. Im 11. Jh. kehrten die „Drei Frauen“ allmählich wieder in das Bewusstsein der Menschen zurück, eroberten sich Plätze, Quellen und bald auch Kapellen und Altäre. Zahlreiche „Dreifrauensagen" aus dem süddeutschen Raum und dem Rheinland weisen nun auf eine immer mehr zunehmende Verehrung der „Drei“ hin, auf die „Schutzfrauen", wie man sie auch nannte, die „Drei Bethen".

Die Jahrhunderte dauernde, oft leidvolle Geschichte der Frauen im herrschenden Patriarchat ist ein gern verschwiegenes Kapitel. Ganz gleich unter welchem Namen die „Drei Frauen" auftraten, sie waren ein Widerspruch zu dem Frauenbild der Kirchen und der herrschenden Obrigkeit. Doch die Verehrung der „Drei“ nahm stetig zu und ihre Popularität hatte im 16. Jh. einen wahren Schub erlebt. Gerade diese Tatsache hat mich als Einheimischen (von Hülzweiler) ermutigt, die „Drei Marien“ in der Kapelle von Hülzweiler in diese Betrachtungen mit einzubeziehen. Denn eben zu dieser Zeit wird das Bildnis der „Drei" urkundlich gesichert erstmalig genannt.

Im Mitteilungsblatt „Unsere Heimat" Nr. 2004 bin ich bereits auf das Thema eingegangen, jedoch ohne größere Zusammenhänge und Möglichkeiten zur untersuchen oder Verbindungen herzustellen.
Die christliche Dreiergruppe der „Heiligen Wilbeth, Einbeth und Worbeth" nennt man die „Drei Bethen“ und schließt auf die vorchristliche Existenz namensgleicher Göttinnen als Vorbilder hin. Vom 12. Jh. an werden diese Heiligen in den verschiedensten Variationen namentlich genannt. Die gebräuchlichste Schreibweise war die vorgenannte Art. In seinem Buch „Die Drei Ewigen" bietet uns Hans Christoph Schöll folgende Versionen:

Ambeth, Apetha, Embeth, Aubeth
Warbeth, Gwerbeth, Worbeth
Vifilbeth, Willebeth, Cubet, Fuerbeth.

Die bis heute andauernde Verehrung dieser Hl. Jungfrauen erlebt man in Kirchen und Kapellen von Südtirol, dem Elsass und im süddeutschen Raum. Von der Amtskirche aber werden diese „Drei“ nicht in den offiziellen Heiligenlegenden aufgeführt. Ihre Namen kennt man da nicht.
Eine sehr frühe Erwähnung der „Drei Marien" von Hülzweiler entdecken wir im Visitationsbericht vom 16.10.1618. Hier lesen wir: „ln Hülzweiler steht auch eine freie Kapelle, die den drei Jungfrauen Maria Magdalena, Maria Jacobe und Salome geweiht ist“. Viel früher schon schreibt der Jesuit Christoph Bouwer von den drei Frauen aus Hülzweiler in seinem Werk „Die Geschichte des Erzbistums Trier". Hier heißt es „Denique juxta Frauemlautern fons est tribus Mariis sacre, ubi variis offlicti morbis leventur curranturque insacello sanitas anathemala et gravitarium dona telunquent". („Und schließlich befindet sich — nahe Fraulautern — ein den drei Marien geheiligter Born, wo (in dem) Menschen, die von verschiedenen Krankheiten heimgesucht worden sind, Erleichterungen verschafft und Heilung zuteil wird, die dann in einer nahe gelegenen Kapelle Weihegaben (Votiv) für ihre Gesundung und Geschenke der Dankbarkeit hinterlassen"). Nun ist der Jesuit Christoph Brouwer kein unbedeutender Kleriker, der zufällig über dieses Thema schreibt, sondern ein hochgeschätzter Historiker seiner Zeit. Geboren am 12.03.1559 in Arnheim (Geldern) trat er 1580 in die Gesellschaft Jesu ein und studierte Philosophie und Kirchengeschichte. Er wurde Rektor in Fulda und später in Trier, wo er von 1601 bis 1613 wirkte. Brouwer war in seiner Zeit einer der bedeutendsten Historiker des Erzbistums und darüber hinaus, und er wurde bekannt durch seine annalistisch—chronoIogische Darstellung des Erzbistums Trier in 2 Bänden. (Antiquitatum et Annalium Trevensium LibriXXX V.P. Christophoro Browero.GeIdro.) Brouwer ist am 02.06.1617 in Trier gestorben. Sein Werk und anderes Schriftgut (über den Heiligen Rock in Trier) wurde später von Jacobo Maseno erweitert und neu ausgestattet und dem Erzbischof Caspar von der Leyen gewidmet.

Leider haben die Heimatforscher früherer Zeiten sich nicht mit Christoph Brouwer beschäftigt, wenn es um diesen doch so wichtigen Abschnitt in dessen Werk ging, oder sollten sie diesen gravierenden Hinweis nicht gekannt haben? Wenn man nämlich bedenkt, dass Brouwer sein Buch schon vor dem Beginn des 30jährigen Krieges verfasst hat, so bieten sich für die Altersbestimmung der Kapelle und des Bildes der Drei Marien neue Erkenntnisse an. Es drängt sich auch die Vermutung auf, dass die Bittgänge zur Kapelle, die schon im Weistum von Hülzweiler 1513 beschrieben werden, auch den „Drei Frauen“ in der Kapelle galten. Professor Walter Zimmermann schreibt in seinem Buch „Die Kupstdenkmäler der Kreise Ottweiler und Saarlouis“ 1934: „Mitte des 15. Jh. wurde für Hülzweiler die Schreibweise "Jungfrauensaarwilre" und "Jungfernwilre" verwandt.“ Auch hier finden wir einen konkreten Beweis für die uralte Verehrung der "Drei Frauen von Hülzweiler". Auch die kleinen Weiher, die nahe der Kapelle liegen, nannte man „Jungfernsprung“, „Jungfernborn“ und „KlingeIborn“. Eine auffällige „Dreiheit“ im Bezug zur Dreifrauenverehrung könnte leicht hergestellt werden. Über Bittfahrten zur Kapelle erfahren wir schon Genaues im Weistum von Hülzweiler 1513. Bittgänge zu dieser Zeit bezeichnet Hans Christoph Schöll als „heilige Tage“, als „Tage der Bethen", als „Bettage“. Aus dem badischen Raum wird von sogenannten „Betheltänzen" berichtet, deren Auswüchse zu einem herzoglichen Verbot im Jahre 1626 führte. Hier ergibt sich auch eine Parallele zu Hülzweiler, denn an den Bettagen wurde an der Kapelle „gespielt und getanzt“, Wein getrunken und gerauft, so dass der Graf von Saarbrücken endlich Bestimmungen für diese Tage erließ und mit „bewehrter Hand“ die Aufsicht übernahm. (s. Grimm 1513) Bis heute ist es Sitte in Hülzweiler, dass die Kirmes als Nachfolger dieser Bitttage zu Laurentius ausgiebig gefeiert wird mit besonderen Bräuchen und Ritualen, die es nur in Hülzweiler gibt. Selbst die unmittelbare Nachbarschaft von Hülzweiler ist bei der Verehrung der „Drei Frauen“ in der Kapelle nicht auszuschließen, denn in einem Akt der reformierten Kirchengemeinde Saarwellingen lesen wir aus dem Jahre 1611, dass die „Heiligen“ aus Hülzweiler aus dem Papsttum am Blasiustag (25.04.) nach Saarwellingen mit Fahnen kommen und an die Kirchentüren klopfen, um die Bewohner am „Festhalten“ im alten Glauben (dem katholischen) zu bestärken. Saarwellingen und Schwarzenholz waren zu dieser Zeit evangelisch geworden. Wen meinte man aber in diesem Bericht mit den „Heiligen“ aus Hülzweiler? Ganz sicher nicht die Einwohner unseres Dorfes, die nach Saarwellingen kamen, sondern die „Drei Marien“ in der Kapelle, von wo aus die Bittfahrt nach Saarwellingen ihren Anfang nahm. In einem Visitationsbericht von 1739 heißt es: „Es ist eine Kapelle im Ort (Hülzweiler) zu Ehren Marias, die mit Spezereien zum Grabe Christi eilen.“ In einem zweiten Visitationsbericht vom 22.08.1760 heißt es: „In Hülzweiler ist eine Kapelle, die den Drei Marien geweiht ist." Hier wird deutlich auf die große Verehrung der „Drei“ hingewiesen, auf die Myrrophoren der christlichen Ikonographie. Wenn wir diese schriftlichen Quellen nutzen, so erkennt man durchaus christliche Intentionen, die jedoch alte Vorbilder und Zusammenhänge nicht ausschließen. Wenn im Herbst die alten Hagebuttensträucher um die Kapelle ihre Früchte abwarfen und die feinen Gespinste der Heckenfrüchte wie Schleier die Äste bedeckten, sprachen die Alten in Hülzweiler von den „Jungfrauhärchen" an der Kapellenhecke.

Nach 1618, parallel zu der immer stärker werdenden Verehrung der „Drei Frauen“ allgemein, tritt die Gestalt des Hl. Laurentius in der Kapelle von Hülzweiler immer mehr in den Hintergrund. Die Berichte und Erzählungen befassen sich nur noch mit dem Bildnis der „Drei Marien“ in der Kapelle. So kehren wir wieder zu den vorgenannten „Drei Bethen“ zurück, die man auch die „Drei Jungfrauen“ nannte und auf sonst unbekannte germanisch-heidnische Göttinnen zurückführte. Ihre Namen in der Urform Ambeth, Wilbeth und Borbeth führt H.Chr. Schöll aufgrund lautlicher Ähnlichkeit auf keltische Wurzeln zurück. Alle drei sind ursprünglich bäuerliche Göttinnen der Fruchtbarkeit und Nothelferinnen bei Unglücksfällen. Das Wissen um die „Drei“ war in allen Jahrhunderten im Volksglauben verankert. Im 11. Jh. werden die „Drei Bethen“ im Siegel des Erzbischofs Pilgrim von Köln dargestellt und in „Spes, Fides und Caritas“ umgetauft. Den Menschen wurde nun mit Nachdruck vermittelt, dass die hilfreichen Jungfrauen nun doch christliche Namen tragen. In vielen Gegenden hatte dies einen langwierigen Prozess zufolge, denn die Menschen verhielten sich recht eigensinnig und tauften die Jungfrauen nun in ihnen selbst genehme Namen um. So kam es bald in vielen Bereichen zu der Verehrung der Hl. Katharina, Barbara und Margareta. Vor allem im Raum Trier wurde dies sichtbar. In den offiziellen Heiligenlegenden werden diese Frauen gerne als Idealbild der christlichen Mütter dargestellt, doch blickt man auf ihre Attribute, so erkennt man durchaus starke selbstbewusste Frauen, die ihren eigenen Weg gingen. In Hülzweiler ist die Verehrung von Margareta, Katharina und vor allem von Barbara uralte Tradition. Ihre Namenstage wurden immer besonders gefeiert. Vor allem die Hl. Barbara genoss im Ort die höchste Verehrung. Sie war die Schutzpatronin der Bergleute im Ort, die den größten Anteil der arbeitenden Bevölkerung ausmachten. Als die letzte Pfarrkirche gebaut wurde, stellte man in den Hauptturm eine Statue der Heiligen, die ein einheimischer Künstler geschaffen hatte. Eine Bergmannsfrau aus dem Ort widmete der Heiligen folgendes Gedicht:

St. Barbara, Schutzpatronin der Bergleute

In Stadt und Land ist sie bekannt
der Jungfrau Name wird genannt
St. Barbara.
Sie ist seit vielen Jahren schon
des Bergmanns guter Schutzpatron
St. Barbara.
Man fleht zu ihr bei Tag und Nacht
hilf uns‘ren Männern im tiefen Schacht
St. Barbara.Voll Liebe mag man zur Jungfrau schau‘n
sie gibt uns Kraft und auch Vertrau‘n
St. Barbara.
Hat sie ein Flehen nicht erhört
o hat der Herr es ihr verwehrt
und hat gesagt, die Zeit war da
St. Barbara.

Dieses bescheidene Gedicht gibt in eindrucksvoller Weise die tiefe Verbundenheit der Bevölkerung zu der alten traditionellen Verehrung der Heiligen ihren Ausdruck. Die erfolgreiche Umwandlung der alten Namen in Fides, Spes und Caritas (Glaube, Hoffnung, Liebe) wird schon um 1650 durch verschiedene Visitationberichte belegt und fand alsbald auch eine allgemeine Verbreitung. So entdeckt man dort, wo diese „Drei“ als Fides, Spes und Caritas verehrt wurden, oft Spuren eines vorchristlichen „Matronenkultes“. In zahlreichen Fällen wurden auf alten Kultplätzen Kapellen und Kirchen gebaut. Auch in Hülzweiler ist ein solche Möglichkeit nicht auszuschließen. Nahe der Kapelle sind Funde aus der Kelten- und Römerzeit bekannt. Prof. F. Schröter und Dr. Hermann Maisant berichten in ihren Ausarbeitungen hierüber und Claus Schmauch, einst Lehrer in Hülzweiler, später Dozent für Volkskunde in Saarbrücken, schreibt über diese Entdeckungen. Ebenso weisen alte Rituale an der Kapelle auf diese Erkenntnisse hin, denn die Bräuche der Kräutersegnungen und Wasserspenden an der Kapelle zeigen eindeutig auf Riten der „Dreifrauenlegenden“. In Hülzweiler war es bis vor dem letzten Krieg Brauch, im Frühsommer eine Kranzsegnung vorzunehmen. Die Kränze aus Feldblumen wurden ausschließlich von Frauen und Mädchen gebunden. In einer abendlichen Andacht wurden die Kränze und auch Kräuter von Kindern in einem Kreis (!) um den Altar getragen und vom Pfarrer gesegnet. Der Kranz bekam einen Ehrenplatz im Hause, der schönste Kranz wurde in der Kapelle am Altargitter befestigt. Der Kräuterstrauß, den man in Hülzweiler den „Wisch“ nannte, fand seinen Platz im Stall oder der Scheune.

Als in Hülzweiler im 19. Jh. der Typhus wütete, veranlasste der Pfarrer eine dreitägige Bittfahrt zur Kapelle und ließ Wasser der Quelle an die Leute verteilen. Bis vor wenigen Jahren waren diese Bittgänge aus verschiedenen Anlässen Tradition, jedoch ohne die rituellen Wasserspenden. Ebenso wurde bis in die jüngste Zeit Blumen an de Quelle neben der Kapelle niedergelegt. Dieses sind alles deutliche Zeichen, wie tief der Kräuter— und Wasserkult im Volksglauben verwurzelt war und die Kirche war klug genug, dieses im „Guten" zu übernehmen.
Schon bald nach dem 30jährigen Krieg hatten sich die Äbtissinnen der Verehrung der „Drei Frauen“ in der Kapelle angenommen und förderten die Bittfahrten und Andachten dort. Der Hl. Laurentius, der eigentliche Patron der Kapelle, trat immer mehr in den Hintergrund. Im Jahre 1747 verfügte das Kloster Fraulautern, dass der jährliche Laurentiusmarkt (10. August) in die Mitte des Dorfes verlegt wurde und ein Viehmarkt an Stelle des „Weinauftuns“ an der Kapelle eingerichtet wurde. Die Bittgänge zur Kapelle wurden ein rein kirchliche Angelegenheit, wurden losgelöst von den weltlichen Begleiterscheinungen des Marktes.

Mit dem Ausbruch der Franz. Revolution 1789 begann für Hülzweiler eine völlig neue Zeit. Die Nonnen aus Fraulautern, die 600 Jahre ihre Herrschaft über Hülzweiler (und darüber hinaus) ausübten, mussten fliehen, die Leibeigenschaft hatte ‚ein Ende. Es folgte eine Zeit der Kirchenverfolgung und der Versuch einer völligen Entchristianisierung der ländlichen Bevölkerung unserer Heimat. Doch in Hülzweiler blieb man fest im Glauben und auch der amtierende Pfarrer hielt sich nicht an den erzwungenen Eid. Er zelebrierte heimliche Messen in der Kapelle und taufte Kinder dort. Letztendlich musste er fliehen, vor allem, weil die heimlichen Bittfahrten zu den „Drei Frauen“ nicht in das Konzept der Franz. Revolutionäre von Saarlouis passten. Selbst Frauen aus den Nachbardörfern‚ die noch nicht in dem Bereich der Revolution existierten, kamen nach Hülzweiler zur Kapelle. Die „Drei Marien" wurden immer mehr zu den alten Schutzfrauen und hatten an Anziehungskraft gewonnen. Die mündliche Überlieferung erzählt, dass man das alte Bild eine Zeitlang versteckt hielt, doch gesicherte Belege hierfür sind nicht bekannt geworden.

Nach dem Ende der Revolutionszelt und auch der Ära Napoleons erlebte unser Ort ein wahres Aufblühen im religiösen Sinne. Es erfolgten Wiedergründungen von Bruderschaften und vor allem auch die Gründung einer Frauenvereinigung, der „Jungfrauencongregation“, die ihren Verehrungsort in der Kapelle bei den „Drei Frauen“ hatte. Seit diesen Tagen gibt es in Hülzweiler im Monat Mai die täglichen Bittgänge der Frauen von Hülzweiler zur Kapelle, die Jahrhunderte überdauerten, und bis in die jüngste Zeit Sitte waren. Bei den Männern etablierte sich bald eine „Barbarabruderschaft“, die hauptsächlich durch die Bergleute ihren Zulauf hatte. lm Jahre 1856 brachte der Pfarrer von Lisdorf, Johann Anton Hansen, ein eigenes Gebetbuch für die Bruderschaft heraus, das auch in Hülzweiler großen Anklang fand. Es stellt sich jetzt die Frage, ob ein Bildwerk durch seine Ausstrahlung, wie in unserem Falle das Bild der „Drei Frauen", eine unmittelbare Wirkung auf die Menschen hatte.

Wozu brauchte man bildhafte Darstellungen? Bilder haben im Allgemeinen eine besondere Suggestivkraft, sie rühren an, beflügeln auch durch Vorstellungsvermögen, weisen so auf mythologische Themen hin. Geschichtliche Kenntnisse wurden auch zuerst durch bildhafte Formen vermittelt. Sie erreichten Menschen mit herkömmlicher Bildung viel eher als die schriftlichen Formen der „lateinischen" Kirche. Sie berührten das ganze Volk. Sobald es den Leuten wirtschaftlich „besser“ ging und man Bücher erwerben konnte, gab es bald in jedem zweiten, dritten Haus eine „Heiligenlegende“, die als kostbares Gut gepflegt und vererbt wurde. So erlebt auch derjenige, der ein altes Gebetbuch dieser Zeit in Händen hält, dass nach jeder dritten Seite (oder noch eher) Bilder mit tief religiösen Motiven eingelegt sind. Bilder erreichen den Menschen leicht und so war das Bild der „Drei Marien“ immer ein Gegenstand der Rückerinnerung und des religiösen Empfindens, verbunden mit Ritualen und weckte in hohem Maße die Vorstellungskraft, wobei seine doch immer noch ungeklärte Herkunft eine nicht unerhebliche Rolle spielte. Mehr als die Legende des Hl. Laurentius, des Kirchenpatrons, der auch der Kapelle ihren Namen gab, hat das alte Bild der „Drei“ und der Ort seiner Verehrung unser Dorf mitgeprägt. Die „Drei Frauen“ haben ‚die Menschen nie ganz losgelassen und erreichten in Notzeiten wahre Höhepunkte ihrer Verehrung.

Sagen und Legenden verklären das Bild und wenn früher die „Alten“ von drei „weißen“ Frauen“ erzählten, die nächtens wie Nebelschwaden und Windhauch sich an der Kapelle zeigen, wurde andächtig gelauscht, auch noch in „aufgeklärten“ Zeiten. Legenden und Mythen haben sich lange mit dem Bildwerk beschäftigt und die verschiedensten Versionen hervor gebracht. Man hat kaum eine Möglichkeit ausgelassen, seine Historie zu deuten oder gar seinen „Schöpfer“ zu suchen. Gerade diese unterschiedlichsten Interpretationen haben die geheimnisvolle Herkunft noch bestätigt.

Auf eine Besonderheit hinsichtlich der Legendenbildung soll noch hingewiesen werden. Vor dem letzten Krieg (1939-45) machte die Prophezeiung von den „drei dunklen Tagen“ die Runde, die auch vor dem l. Weltkrieg 1914-18 die Menschen bewegte. „Es kommen drei dunkle Tage mit Feuer und Sturmesbrausen und niemand soll sich aus dem Haus wagen. Nach drei Tagen möge man sich zu einer Bittandacht zur Kapelle begeben und Dank sagen." Niemand konnte so recht sagen, warum, wieso dies geschehen soll und wie die möglichen Drangsale aussehen. Später erklärten die Leute, es sei ein Hinweis auf die Schreckenstage des Luftkrieges gewesen, der auch unseren Ort getroffen hatte.

Die Antwort auf die Frage, ob das Bild der „Drei Frauen" eine Herkunft im Sinne christlich geprägter Form hat oder mehr keltisch-germanische Spuren aufweist, ist nur von peripherer Bedeutung. Wichtiger ist es, dass unser Bild bis in die jüngste Zeit Gegenstand von Verehrung in christlicher Tradition geworden ist, auch die Hinwendung zur Verehrung der Gottesmutter ist eindeutig. Bildhafte Erinnerungen bilden eine glaubhafte Aussage im Rahmen der älteren Historiegraphie, denn im abendländischen Bereich der Christenheit war die Hagiographie die am meisten verbreitete Form der geschichtlichen Linie.

Ob der Versuch gelungen ist, die „Drei Frauen“ in die Nähe des alten „Dreifrauenkultes“ zu rücken, mag zutreffen oder zweifelhaft bleiben. Jedenfalls hat das Bildwerk in der Kapelle Jahrhunderte lang die kulturelle und religiöse Tradition geprägt. Warum sollte die Kapelle nicht an einem Ort entstanden sein, wo einst unsere Vorfahren ihre kultische Tätigkeit ausübten, gerade weil dort im Wandel der Zeit ein unerschütterlicher Hort des Glaubens entstand. Franz J. Schmale schreibt in seinem Buch „Funktionen und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung":
...erhebliche Teile der modernen Geschichtswissenschaften sind in strengem Sinne gar nicht wissenschaftlich, sondern beruhen auf dem „Glauben d.h. dem Vertrauen, dass der Autor die Wahrheit gesagt hat“.

Dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Das Wichtigste ist die Erhaltung der Tradition in einfachem volksnahem Sinne, in Form von Sagen, Legenden und Mythen im angestammten christlichen Glauben.

 

       
  
Die drei Mariene
Foto: Aus der Sammlung von Peter Strumpler

Urkunde aus dem Jahre 1500

über die Schenkung des Henrich von Rulingen,

Herr zu Siebenborn und Dagstuhl der "Drey Maryen Cappel“ zu Hülzweiler.

(Abschrift aus der Schwalbacher Monatschronik, Ausgabe 12. November 1983, eingesandt von Ferd. Müller, Schwalbach).

Ich Henrich von Rulingen, Herr zu Siebenborn und zu Dagstuhl bekennen mich Inkraft dieser Schrift vor mich und mein Erben, dass ich warlich underricht bin so vor ein Cappel zu Höltzweiler genannt da „in die Drey Maryen“, Vorstand mit samt eines Bornes, genannt der Heiligborn, inwilligen obgenannten Drei Maryen und Bornen alles fromm Vorbringen brßthaftiger Leut mit Fromm Opfer, Almosen und andächtigem Gebet in Hoffnung von Gott dem Herrn und durch Vorbettung (Fürbitten) genannter Drei Marien Gesundheit zu empfangen! Dir Bitt fort lassen sind die selb Capell mitsamt des heiligen Borns uff mein Eigen Schafftgut stellt. Als nun mein Voreltern selliger Gedächtnis in der Zeit ihres Lebens desselben Schaftguts Herrn sind gewest/allen Opfer und Almosen das fur den obgenannten Drei Marien Heiligen Borns kommt oder kommen mocht, wenig oder viel, verwilligt und gegönnt hand gehabt in der Bruderschafft Sankt Lorenzy in der Pfarrkirch zu Willer zu zustellen und da ferner mit den inkommnenden Opfern und Almosen ein Ewig-Wochen-Meß zu stifften Gott dem Herrn zu Lob und Ehren, Maria seiner lieben Mutter und allen Gottes Heiligen auch in Ehr der gemeldeten Drei Marien und zu Trost und Heil meiner Voreltern seligen Gedechtnis Ihre allen durch die dann soll ihr obgenannte Wochen-Meß gestifft und anbracht ist und zur Bestätigung und Bewahrung der obgenannten Stifft Bewilligtuig und Genügen han meine Voreltern ihr Brief und Siegel in der Zeit ihres Lebens darüber der genannten St.—Lorenzy—Bruderschaft und der genannten Gemeinde gegeben, dieselbigen Brief und Siegel durch Unfall des Feuers als die Kirch mit viel des Dorfes verbrannt worden auch verbrannt sind, auf dahs nun mit meiner Voreltern seligen Gedächtnis Gabe Bewilligung Bestand habe und der göttliche Dienst der obgenannten Wochen-Messe nit abgestellt noch gemindert werde, han ich Henrich von Rullingen obgenannt als rechter Erb-Herr des genannten Schaff-Gutes vor mich und meine Erben durch besonderliche und ernstliche Art der ganzen Gemeinde der obgenannten meiner Vor-Eltern Bewilligung und Gering bestätigt und bestätigen auch in Krafft dieses Briefs und will das alle Opfer und Almosen dieses Jahres kommend und fallend in der gemeldeten St. Lorenzy-Bruderschaft gestellt werden damit die ewig Wochen Mess zu tun un zu vollbringen zu Lob und zu Ehren Gott dem Herrn, mit Hennrich obgenannt meinen Erben und allen Wohltätern zu Trost und zu Heil unseren sollen Behältnis hier in mir und meinen Erben aller unser Gerchtigkeit andern unsern Schafftgütern auswendig der gemeldeten Marien Capellen und Heiligenborn und zu unsern Händen alle Jahre zu seiner Zeit der gefallen ist zu handreichen und zu liefern allen obegenannten wie sie dann hier vorgeschrieben stand han ich Hennrich von Rullingen obgenannt for ich und meine Erben in guten treuen Gerede ohne allen Grund und Arglist aufrichtig und wahrlich noch Herkommen Urkundt der Wahrheit mein eigen lnsiegel ‚an diesem Brief gehangen der gegeben ward auf Montag der liegt nach dem Sonntag Indiea in Anno Domino XVC (1500).

   

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